
Fünf unbequeme Fragen an: Musiker Ferdinand Kirch aka nand
Der Streamingdienst Spotify gilt für viele junge Musiker:innen als unverzichtbare Bühne – so auch für Ferdinand Kirch, bekannt als nand. Im Interview spricht er darüber, wie abhängig Künstler:innen heute von jenen Plattformen sind, warum Alternativen bislang kaum eine echte Option darstellen und wie sich Musik in einer idealen Welt vielleicht wieder stärker auf Alben, Liveauftritte und gemeinsames Hören konzentrieren würde.
1. Frage: Wie bei nahezu allen jungen Musiker:innen spielt auch bei dir Spotify eine wohl nicht wegzudenkende Rolle und zieht aktuell jeden Monat rund 340.000 Hörer:innen an – könntest du alleinig von diesen Streaming-Einnahmen dein künstlerisches Schaffen oder gar dein Leben finanzieren?
nand: Ich kenne die Zahlen der monatlichen Einnahmen nicht eins zu eins, aber würden 100% der Streaming-Einnahmen bei mir liegen, dann ja. Da ich aber Prozente daran abgegeben habe, reicht es nicht ausschließlich.
2. Frage: Der grüne Riese aus Schweden sorgt vermehrt für Negativschlagzeilen: Von der Vergütungsdebatte über virale KI-Songs bis hin zu CEO-Investitionen in die Rüstungsindustrie. Wie abhängig bist du von Spotify und wie viel Gedankengut widmest du möglichen Alternativen?
nand: Ich bin schon sehr abhängig von Spotify. Aktuell gibt es meiner Meinung nach keine Alternative, die dir finanziell etwas ähnliches 'bieten' kann. Ja es gibt zum Beispiel Tidal, aber im Vergleich zu Spotify sind dort einfach zu wenig User. Ich widme dem Ganzen also ehrlich gesagt nicht viele Gedanken und kann an der Ungerechtigkeit gegenüber Spotify auch aktuell leider nicht viel ändern. Ich würde natürlich ein symbolisches Zeichen setzen, würde ich Spotify 'canceln', aber dann würde ich gleichzeitig meine monetäre Grundlage verlieren. Hätte ich eine tragfähige Alternative, würde ich das natürlich machen.

3. Frage: In einer perfekten Welt, wie würde man deiner Ansicht nach idealerweise Musik konsumieren?
nand: Man würde mehr auf Live-Konzerte gehen, mehr den Tonträger zelebrieren, auch wenn Vinyl selber ja auch ein endlicher Rohstoff ist. Eine perfekte Welt des Musikhörens wäre für mich, wenn es 'in' wäre, ein Album von Anfang bis Ende zu hören – und wenn Deutschland in seiner Musikbandbreite nicht so einseitig wäre, und progressive, spielerische Musik mehr Anerkennung und Unterstützung finden würde.
4. Frage: Dein Output ist super variabel – dennoch vereint ihn nach meinem Empfinden eine unfassbar positive Leichtigkeit. Selbst Songs mit vermeintlich schweren Inhalten, wie SOS, Kopf frei oder Sonnenblumenfeld, hüllst du in einen kuschligen Mantel. Hilft dir diese Art der Verpackung auch bei der Verarbeitung persönlicher Downphasen oder ist die Kunst für dich manchmal auch eine naheliegende Flucht in Ablenkung?
nand: Es ist beides. Mit Emotionen, sowohl positiv als auch negativ, kommt eine kreative Ader, die einen beim Musik machen lenkt. Musik machen ist für mich etwas sehr spielerisches. Ich höre sehr viel Musik und dabei kommt es häufig vor, dass mich etwas inspiriert und ich danach selber etwas kreieren will. Oder ich habe etwas persönliches, emotionales erlebt und möchte es von mir schreiben. Dass das Ganze am Ende so einen 'Twist' hat, liegt auch daran, dass ich es nicht mag, wenn man den Zuhörer so komplett mit der Traurigkeit oder etwas Ernstem 'belagert'. Gerade im Lyrischen zählt meiner Meinung nach oft „weniger ist mehr“. Und mit einem gewissen Kontrast aus etwas traurigeren Lyrics, aber spielerischem Instrumental, entsteht so eine ganz eigene, nahbare Atmosphäre.
5. Frage: Letztes Jahr wurde dein Song Egoist auf TikTok für AfD-Werbung missbraucht, wovon du dich öffentlich distanziert hast. Wie viel Angst macht dir der politische Rechtsruck der letzten Jahre und woraus ziehst du Kraft und Hoffnung für die Zukunft?
nand: Es macht mir keine Angst. Natürlich finde ich es 'besorgnisserngend' wenn Menschen sich aufgrund von Unzufriedenheit, von Rechten Ideen manipulieren lassen. Trotzdem bin ich sehr zuversichtlich, dass wir gemeinsam einen Weg rausfinden. Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft wieder mehr zusammenschweißt, denn gerade passiert genau das Gegenteil. Ob politisch oder auch auf sozialer und kommunikativer Ebene.
Durch Social Media hat sich die Gesellschaft mittlerweile eher negativ als positiv entwickelt. Individualsportarten, politische Hetze, Manipulation, Mobbing, Hass, Hobbylosigkeit, Zeitverschwendung, Isolation. Allein Instagram ist schon das beste Beispiel: Die App war in ihren Anfängen dazu da, Menschen zu connecten und Fotos auszutauschen. Mittlerweile ist sie eine reine Werbeplattfform, überfüllt von Influencern, Küchentherapeuten und Co. Und in der Politik ist es das Gleiche – die meisten machen Politik für die eigene Legislatur und die Partei. Aber mit jeder Bewegung kommt auch eine Gegenbewegung. Ich merke bei mir im gesamten Freundeskreis, dass jeder so langsam anfängt, Social Media aus seinem Alltag zu verbannen. Vielleicht ist das ja eine Gegenbewegung, die uns Menschen wieder näher zusammenbringt: einfach wieder analoger sein. Der Gedanke stimmt mich positiv.
Danke für deine Zeit!


