15.01.26 t/redaktion b/razi pouri
Gamze Ateş und ihr modebewusster Kampf für Frauenrechte
Mancherorts reicht ein falscher Blick, ein zu spätes Nachhausekommen oder zu viel Salz in der Suppe, um sich als Frau in einer direkten Gefahrensituation wiederzufinden. Auch in Elâzığ, einer ostanatolischen Stadt, ist Gewalt an Frauen kein Randphänomen, sondern bittere Normalität. Von hier stammt Gamze Ateş. Und von hier aus hat sie begonnen, etwas zu verändern – nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Stoff, Struktur und Solidarität.
Systematisches Wegsehen
Die Türkei kämpft seit Jahren mit einem tief verankerten misogynen System. Femizide, häusliche Gewalt und institutionelle Diskriminierung sind keine Ausrutscher, sondern Symptome. Laut UN Women erlebt circa jede dritte Frau in der Türkei mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder sexuelle Gewalt. Die Zahlen sind bekannt. Die Reaktionen darauf oft ritualisiert wirkungslos.
Der Austritt der Türkei aus der Istanbul-Konvention im Jahr 2021 steht sinnbildlich für ein sich rückschrittlich bewegendes System. Er war eine politische Botschaft, die den Schutz von Frauen als verhandelbar deklariert. Besonders in konservativen Regionen wie Elâzığ bedeutet das für die weibliche Bevölkerung ein Leben zwischen sozialer Kontrolle, wirtschaftlicher Abhängigkeit und realer Gefahr.
Arbeit als Akt der Selbstermächtigung
Gamze Ateş hat diese Realität nicht akzeptiert. Stattdessen hat sie ein Projekt aufgebaut, das heute über 1.200 Frauen in vier türkischen Städten erreicht. Ihr Ansatz ist so simpel wie radikal: ökonomische Unabhängigkeit als Fundament für Selbstbestimmung. In ihren Ateliers arbeiten Frauen in einem geschützten Raum, bewusst ohne Männer. Nicht aus Ausgrenzung, sondern aus Notwendigkeit. Mode ist dabei das strategisches Werkzeug. Wer näht, entwirft und produziert, verdient Geld, lernt Prozesse und gewinnt Stimme. Für viele der beteiligten Frauen ist es das erste eigene Einkommen – und damit oft auch der erste Schritt raus aus gewaltvollen Abhängigkeiten.
Und was unternimmt der Staat?
Zwar wird eine App das patriarchale Fundament der Türkei nicht zum Einsturz bringen, aber sie ist ein erster Schritt, der Risse sichtbar machen kann. KADES, entwickelt vom türkischen Innenministerium, funktioniert wie eine Art Notfallbutton: Wird der Knopf gedrückt, sendet die App automatisch den Standort und fordert Hilfe für von Gewalt betroffene Frauen oder Kinder an.
Intakte Strafverfolgung, Präventionsarbeit und gesellschaftliches Bewusstsein muss parallel geschaffen werden. Human Rights Watch dokumentiert seit Jahren, wie Gesetze zwar existieren, aber im Alltag verdampfen. Anzeigen verlaufen, Schutzanordnungen werden ignoriert und Täter bleiben systemisch gut gepolstert, weil sie ach so gute Gründe haben, ihre Partnerinnen zu schlagen, zu misshandeln oder gar zu töten. Es braucht politischen Willen, rechtliche Härte für Täter und verlässliche Schutzräume, um etwas bewirken zu können.
Gamze Ateş bietet genau das: einen Safe-Space für Frauen, der Austausch, Sicherheit und Selbstbestimmung verspricht. Ihr Projekt zeigt, dass Veränderung möglich ist, wenn Frauen gehört und gesehen werden, und erinnert daran, dass der Kampf für Frauenrechte in der Türkei nicht abstrakt ist. Er hat Namen, Gesichter und Orte. Elâzığ ist einer davon.
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