
Wie ein Nazibau zum Kiezhotspot wurde
Mitten auf St. Pauli stand er jahrzehntelang: ein monströser Betonklotz ohne Seele, ein Flakbunker – gebaut 1942 unter Einsatz unzähliger Zwangsarbeiter:innen, um bis zu 25.000 Menschen vor Bomben zu schützen. Wer das Heiligengeistfeld betrat, konnte ihn nicht übersehen. Aber wer hätte gedacht, dass gerade dieser seelenlose Koloss zum Sinnbild progressiver Stadterneuerung wird?
Vom düsteren Bau zum kreativen Medienzentrum
Nach dem Krieg überlebte der Bunker die Sprengwellen nicht und wurde, kurz nach 1947, zu Notwohnungen umfunktioniert: ein symbolischer Wandel vom Ort der Angst zur Behausung. In den 1990ern zog das Zeitalter der freien Kreativen ein. Aus dem grauen Riesen wurde ein Medienbunker – mit Agenturen, Musikstudios, dem Club Übel & Gefährlich und dem resonanzraum – quasi ein Biotop kultureller Utopie.
2013 trat dann der Stadtplaner Mathias Müller‑Using auf den Plan. Er stellte sich vor, das archaische Monstrum nicht nur zu nutzen, sondern es mit Leben – genauer: mit Grün – zu erobern. Hundertwassers Visualisierung aus 1992 wurde Realitätsmotor. Eine Investorengruppe um Thomas Matzen (seit 1993 im Besitz des Erbbaurechts) sicherte Finanzierung, Bebauungspläne, Genehmigung durch Hamburgs Bürgerschaft und letztlich auch den Start des Mammutvorhabens im Jahr 2019.
Viel Beton und viele Pflanzen
Von außen wirkt es wie ein Terrassentower im positivsten Sinne. Tonnenschwere Betonplatten und 24 angebrachte Tragarme ermöglichen der Öffentlichkeit den nicht selbstverständlich koostenfreien Weg nach oben auf den 1.400 m² großen Dachgarten, der vom Verein Hilldegarden e.V. mitgestaltet wird. Und das ist nicht nur nett fürs Foto: 23.000 Pflanzen, darunter Kiefern, Zypressen, Apfelbäumchen – alle wind- und frostresistent – sorgen für Verdunstungskühle, Feinstaubfilterung und Regenrückhalt. Die Stadtentwässerung wird um gute 80% entlastet und das Mikroklima in Zusammenarbeit mit der HCU Hamburg mittels Sensoren analysiert.
Im Inneren sind neue Räume entstanden: das Reverb by Hard Rock Hotel (134 Zimmer), die Georg-Elser-Halle für Konzerte, Sport und Theater, Gastronomie-Locations, Ausstellungsflächen, ein Café – und eine Gedenkstätte, um dunkle Geschichte nicht zu verdrängen, sondern sichtbar zu machen.
Stadtplanung zum Mitmachen
Der Grüne Bunker ist kein Öko-Spielzeug, sondern ein Statement. Als weltweit wohl einzigartiges Projekt vereint er Mahnmal, Naturoase, Kulturbühne und Hotspot für klimapolitische Utopien. Täglich pendeln etwa 4.000 Menschen rauf und runter – ein Bekenntnis zu urbaner Teilhabe, Kultur und Erinnerung.
