Eine behördliche Person auf einer antifaschistischen Demonstration mit einem Schild, auf dem ein durchgestrichenes Hakenkreuz zu sehen ist

05.02.26 t/redaktion b/michael anfang

Verkleidet als Power-Ranger: Hackerin „Martha Root“ löscht Nazi-Tinder

Hamburg, Ende Dezember 2025. Auf der größten europäischen Hacker:innen-Konferenz, dem Chaos Communication Congress (39C3), betritt eine Person im pinken Power-Ranger-Kostüm die Bühne. Unter dem Pseudonym Martha Root präsentiert sie, gemeinsam mit Investigativjournalist:innen, eine Recherche über rechtsextreme Datingplattformen, gibt einen Einblick in die digitale Infrastruktur jener Netzwerke und beendet ihren Auftritt mit einem gigantischem mic drop: sie löscht die Plattformen live vor Publikum und veröffentlicht gesammelte Datensätze auf einer dafür kreierten Website.

Ein Performance-Statement, das behördliche Inkompetenz, technische Affinität und seit Jahren ungestörte Vernetzungsräume für Verschwörungstheoretiker:innen und Neonazis aufdeckt.

WhiteDate & Co. – So daten Faschisten

Der Dreh- und Angelpunkt der Aktion war WhiteDate, eine Online-Dating-Plattform, die sich ausdrücklich an weiße, rassistisch ausgerichtete Nutzer:innen richtete und von Journalist:innen als „Tinder für Nazis“ beschrieben wurde. Auf WhiteDate konnten Personen Profile mit Namen, Fotos, Standort, Alter und weiteren persönlichen Angaben anlegen, mit dem erklärten Zweck, rassisch homogene Beziehungen und „weiße Familien“ zu fördern. Die Seite war Teil eines Netzwerks, zu dem auch WhiteChild (eine Plattform für rassistische Sperma- und Eizellenspendervermittlung) und WhiteDeal (ein als Arbeitsvermittlungs- und Netzwerkdienst verstandenes Angebot) gehörten. Alle drei Angebote waren strukturell und ideologisch miteinander verbunden und wurden offenbar von einer Betreiberin aus Deutschland verantwortet.

Die Gefahr dieser Plattformen liegt nicht nur in ihrer menschenverachtenden Ideologie, sondern in ihrer Funktion als digitale Infrastruktur: Sie schaffen einen Niedrigschwelligkeitsraum zur Vernetzung, zur emotionalen Bindung, zur gegenseitigen Bestätigung extremistischer Weltbilder. Solche Räume wirken als Brücken zwischen Online-Radikalisierung und realer politischer Organisation und tragen zur Stabilität rechter Milieus bei, wie einschlägige Expert:innen seit Jahren warnen.

Wie sich Nazis plötzlich in KI-Bots verliebten

Martha Root selbst und investigative Journalist:innen wie Eva Hoffmann und Christian Fuchs begleiteten die Aufklärungsarbeit, die in einem Vortrag mit dem Titel „The Heartbreak Machine: Nazis in the Echo Chamber“ auf dem 39C3 kulminierte. Um so viel Einsicht wie möglich in die Nutzerbasis der Plattformen zu gewinnen, wurden öffentlich zugängliche Daten analysiert, automatisierte Tools genutzt und Chatbots programmiert. Root setzte KI-Modelle ein, die in der Lage waren, automatisierte Konversationen zu führen und so Nutzeraktivitäten langfristig zu beobachten, wobei vereinzelte Nutzer den Chatbots gar vertrauten.

Parallel dazu zeigte sich, wie schlecht die technische Konfiguration der Plattformen offenbar war: Sicherheitslücken, offene Endpunkte und fehlende Zugriffsbeschränkungen ermöglichten es Martha Root, nahezu komplette Nutzerprofile herunterzuladen, ohne einen komplizierten Zero-Day-Exploit einsetzen zu müssen. Dazu reichte erstaunlicherweise die einfache URL-Erweiterung „/download-all-users“, um an die gesamte Nutzerliste zu gelangen.

Am Ende ihres Vortrags öffnete Root auf der Bühne ein Terminal, führte vorbereitete Befehle aus und löschte die Server der Plattformen WhiteDate, WhiteChild und WhiteDeal, sowie damit verbundene Social-Media-Accounts, E-Mail-Adressen oder Backups. Die Konsolenausgaben zeigten nach jedem Schritt ein bestätigtes „done“, und das Publikum reagierte mit Applaus. Die Betreiber:innen bestätigten anschließend selbst auf sozialen Medien, dass ihre Seiten entfernt worden waren.

Den ganzen Vortrag findet ihr hier:

okstupid.lol: Eine Kartoffelkarte und verstörende Profildaten

Parallel zur Löschung veröffentlichte Martha Root einen Teil der zuvor gesammelten Nutzerdaten öffentlich auf der Seite okstupid.lol. Die Daten umfassen tausende Profile mit Fotos, physischen Merkmalen, Standortangaben, weiteren persönlichen Angaben und Beschreibungen, die nahezu allesamt das „White Supremacy“-Bild auf perfide Art und Weise reproduzieren.

Der Leak, der unter dem Namen „WhiteLeaks“ archiviert und an Whistleblower-Plattformen wie Distributed Denial of Secrets übergeben wurde, dient nicht (nur) der Bloßstellung – er liefert Forschenden und Journalist:innen Material zur Analyse von Nutzerstruktur, Ideologie und Netzwerkdynamiken. Gleichzeitig nimmt er Extremist:innen ihre digitalen Rückzugsräume, macht sie sichtbar und angreifbar.

Was bleibt, ist ein Moment der kollektiven Reflexion über digitale Öffentlichkeit, Technik und politische Verantwortung. Auf dem 39C3 wurde sichtbar, dass antifaschistische Intervention im Netz nicht nur aus Monitoren und Analyse besteht, sondern auch aus direkten, öffentlich sichtbaren Handlungen. Martha Root hat diese Grenze bewusst aufgebrochen – und eine Debatte angestoßen, die weit über Hamburg hinausgeht.

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