Ist es arg verwerflich, Rassisten die Nase zu brechen? 

Wer sich mit Neonazis auseinandersetzt, weiß: Ihre Ideologien sind nicht nur gefährlich, sondern auch gewalttätig. Neonazis verbreiten rassistische und faschistische Gedanken und setzen diese auch in körperliche Gewalt um – sei es in Form von Angriffen auf Migrant:innen, queere Menschen oder politische Gegner:innen. Der Gedanke, Gewalt als 'Antwort' auf Gewalt zu rechtfertigen, ist da erstmal sehr verführerisch. Denn wo der Staat – zumindest in vielen Teilen – oft nicht genug tut, um gegen faschistische Tendenzen vorzugehen, ist Selbstjustiz nicht weit. Aber hier wird es gefährlich. Denn Gewalt ist nie nur eine 'Reaktion'. Sie verändert alles: die Menschen, die sie ausüben, die Gesellschaft, in der sie passiert, und das politische Klima, das daraus entsteht.

Wäre alles einfacher, wenn der Staat umsetzen würde, was er sollte

Das, was auf der Seite des Widerstands gegen Faschismus ankommt, ist auch eine Frage nach den Verantwortlichkeiten der Gesellschaft und des Staates. Warum müssen sich Menschen, die sich der Antifa oder anderen linken Gruppen zugehörig fühlen, gezwungenermaßen auf Gewalt einlassen, um gegen Rechte vorzugehen? Der Staat hat die Verantwortung, Menschen zu schützen und gegen die Verbreitung von rassistischen und menschenverachtenden Ideologien vorzugehen. Doch in vielen Fällen geschieht dies zu wenig, zu langsam oder gar nicht.

Dieser Zustand führt zu der spürbaren Wut, die viele Menschen gegen zunehmend rechte Strukturen entwickeln. Es ist genau diese Wut, die dazu führen kann, dass linke Gruppen sich auf die Gewalt als 'Antwort' einlassen. Doch das bedeutet nicht, dass wir auf den Staat verzichten sollten und auch nicht, das Gewalt eine langfristige Lösung darstellt – vielmehr sollten wir das wesentliche Ziel fokussieren: Eine Gesellschaft zu schaffen, in der jeder Mensch in Würde leben kann, ohne Angst vor Übergriffen. Ein Sieg über Nazis bedeutet nicht, sie mit denselben Mitteln zu bekämpfen. Der Sieg liegt im Bewusstsein, dass wir als Gesellschaft mehr bieten müssen als nur eine Antwort auf Gewalt – wir müssen Alternativen bieten, die eine inklusivere, gerechtere Welt ermöglichen.