Realitycheck: Was geht auf der 'gefährlichsten Straße Deutschlands'?

Die Eisenbahnstraße in Leipzig Ost – einst berüchtigt als 'Deutschlands gefährlichste Straße', ist heute ein pulsierender Schmelztiegel der Kulturen und Wunsch-WG-Ort vieler zugezogenen Studis. Wie kam der Wandel?

Starten wir mit einem Zeitsprung ins 19. Jahrhundert. Damals rollten hier keine SUVs, sondern Dampfloks. Ab 1835 wurde auf dem Verlauf der heutigen Straße die Eisenbahnstrecke nach Dresden erbaut. Am 24. April 1837 fuhr der erste Zug auf dieser Strecke bis Althen. Die wachsende Ostvorstadt war dadurch zunächst in zwei Stadtteile beiderseits des Bahndamms getrennt, bevor die Strecke später etwas weiter nördlich in einem Bogen verlegt wurde und die heutige Eisenbahnstraße entstand, die von 1945 bis 1991 noch Ernst-Thälmann-Straße hieß.

Stigma, Statistiken und die Medienmaschine

Swap ins Jahr 2013: Ein reißerischer TV-Beitrag tauft die Eisenbahnstraße zur 'schlimmsten Straße Deutschlands'. Schießereien, Messerattacken, Drogenhandel – das volle Programm. Dass laut einer Untersuchung der Bauhaus-Universität Weimar die Viertel Neustadt-Neuschönefeld und Volkmarsdorf, durch die die Eisenbahnstraße verläuft, nicht die Ortsteile mit den meisten begangenen Straftaten sind, hat niemanden gejuckt. Entsprechend wurde 2018 eine Waffenverbotszone eingerichtet, die verdachtsunabhängige Kontrollen ermöglichte. Ein Schelm, wer dabei an Racial Profiling denkt.

Vom 'Problemviertel' zum Place-to-be

Wo einst Leerstand und günstige Mieten das Bild prägten, pulsiert heute das Leben. Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen haben hier ein Zuhause gefunden, was der Straße einen einzigartigen multikulturellen Flair verleiht. Neue Cafés, Galerien und Start-ups sprießen aus dem Boden wie Pilze nach einem warmen Sommerregen. Ein Beispiel gefällig? Die Franchise 'Haus des Döners' eröffnet hier eine Filiale und lockt zur Eröffnung mit 1-Cent-Dönern – wenn das mal kein Zeichen für Aufschwung ist.

Oder eher ein Zeichen für Gentrifizierung? Die scheppert nämlich doll an die Tür und bedroht das Viertel mit steigenden Mieten. Doch die Bewohner:innen der Eisi sind bekannt für ihren Zusammenhalt und ihre Kreativität. Fingers crossed, dass dieser kulturelle Hotspot seine Authentizität auch in Zukunft bewahren kann und ein Ort bleibt, an dem Vielfalt nicht nur ein Schlagwort ist, sondern gelebt wird.

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