
Realitycheck: Wie Pilot:innen Abschiebungen verhindern
Während Bundesregierung und Innenministerien munter weiter debattieren, wie sie Abschiebungen schneller, häufiger und effizienter organisieren können, passiert an Flughäfen ein stiller, aber wirkungsvoller Akt des Widerstands: 2025 scheiterte ein beträchtlicher Teil geplanter Abschiebungen daran, dass Pilot:innen schlicht nicht mitmachen wollten. Eine kleine Entscheidung im Cockpit, die für manche Menschen einen weiteren Tag in Sicherheit bedeutet.
Wenn das Cockpit zum Gewissensort wird
Nach Angaben des Bundesinnenministeriums wurden 2025 mehr als 1.600 geplante Abschiebungen gecancelt, obwohl die betroffenen Menschen teilweise bereits von der Polizei zum Flughafen gebracht worden waren. In fast einem Drittel dieser Fälle lag der Grund im Cockpit, das geht aus einer parlamentarischen Anfrage der Linken-Abgeordneten Clara Bünger hervor.
Zum Vergleich: Im Jahr zuvor gab es nur rund 300 solcher Fälle. Der Anstieg ist also drastisch. Die Gründe hinter den Zahlen sind undurchsichtig und sehr wahrscheinlich pragmatisch und menschlich zugleich. Pilot:innen tragen die Verantwortung für die Sicherheit an Bord. Wenn eine Abschiebung eskaliert, Beamt:innen Gewalt anwenden, wenn Menschen sich wehren, panisch werden oder fixiert werden (müssen), kann das als Sicherheitsrisiko gelten. In solchen Momenten liegt die letzte Entscheidung über den Start beim Cockpit. Und manchmal fällt sie zugunsten der Menschlichkeit.
Eine kleine Entscheidung mit großer Wirkung
Natürlich bedeutet ein verweigerter Flug nicht automatisch, dass eine Abschiebung dauerhaft verhindert wird. Behörden können neue Termine ansetzen oder auf Charterflüge ausweichen. Doch jeder gescheiterte Versuch kostet Zeit, politischen Aufwand und Geld – allein die Einsätze der Bundespolizei kosteten den Bund im vergangenen Jahr über zehn Millionen Euro. Besonders spektakulär war ein Abschiebeflug nach Afghanistan, der über Katar organisiert wurde und rund 600.000 Euro kostete.
Insgesamt wurden 2025 rund 23.000 Menschen aus Deutschland abgeschoben – etwa 13 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Parallel dazu stieg auch die Zahl gescheiterter Abschiebungen deutlich an. Und während politische Debatten oft laut und symbolisch geführt werden, entsteht echte Handlungsmacht manchmal an Orten, an denen niemand Kameras aufgestellt hat.
Drohen Konsequenzen für Pilot:innen?
Die kurze Antwort: normalerweise nicht. Pilot:innen haben im Luftverkehr eine besondere rechtliche Stellung. Sie sind letztlich verantwortlich für die Sicherheit ihres Fluges. Wenn sie zu dem Schluss kommen, dass eine Situation an Bord gefährlich werden könnte, können sie Passagier:innen ablehnen – auch im Fall von Abschiebungen.
Airlines versuchen zwar gelegentlich, Konflikte zu vermeiden, doch eine direkte Bestrafung ist selten. Der Grund ist simpel: Sicherheit im Flugverkehr steht rechtlich über politischen Interessen. Genau deshalb ist der Cockpit-Widerstand so wirksam. Er nutzt eine strukturelle Lücke im Abschiebesystem. Der Staat kann Menschen zum Flughafen bringen, Polizeiketten bilden und Tickets buchen – aber ohne Zustimmung des Cockpits hebt das Flugzeug nicht ab.

