
Testa di Moro: Darum stehen diese abgehackten Köpfe überall rum
Wer durch die Gassen von Palermo, Taormina oder Caltagirone schlendert, wird früher oder später – tbh wahrscheinlich eher früher – unzählige kleine, meist sehr kunstvoll glasierte Keramikköpfe wahrnehmen. Mit auffallenden Gesichtszügen, geschmückt mit Turban, Krone oder Granatapfelkranz stehen sie an jeder Ecke. Mal männlich, mal weiblich, mal beide als Paar. Sie heißen Teste di Moro und sind anscheinend so ziemlich das authentischste, was Sizilien hervorgebracht hat. Die gängigste Ursprungserzählung hittet aber anders...
Eine junge Sizilianerin trifft im 11. Jahrhundert auf einen arabischen Mann, der sich in sie verliebt. Sie erwidert die Gefühle, bis sie erfährt, dass er eine Familie in seiner Heimat hat. Konsequenz? Kopf ab. Sie schlägt ihn kurzerhand tot, stellt seinen Kopf auf den Balkon und pflanzt Basilikum hinein. Radikal, aber hey.
Weniger bekannt, aber (wichtig!) historisch deutlich wahrscheinlicher, ist folgende Version im Kontext der normannischen Eroberung Siziliens im Jahr 1070: die Stadt Caltagirone – damals noch unter dem arabischen Namen 'Qalat Alghiran' bekannt – soll von den Normannen 'befreit' worden sein. Zur Abschreckung ließ Roger I. angeblich die Köpfe gefangener Mauren an der Stadtmauer ausstellen. Doch die ortsansässigen Keramikkünstler:innen von Caltagirone griffen ein und wollten statt echter Köpfe ihre gefertigten Tonmodelle anbringen, um ein noch größeres Blutbad zu verhindern. So entstand das erste Keramikabbild eines Moro – und die Testa di Moro wurde, so die Legende, vom Kriegsrelikt zum schützenden Symbol umgedeutet.
Designobjekt mit Schattenseite
Heute erlebt die Testa di Moro eine Renaissance: in Interiormagazinen, Modekollektionen, als witziger Tourimagnet und auf Instagram. Doch mit dem Hype wächst auch das Unbehagen. Der Begriff 'Moro' ist sprachlich belastet, das Motiv – ein abgetrennter Kopf – schwerlich neutral. Während einige Künstler:innen das Motiv umdeuten, bleibt es im Massenmarkt meist ein entkontextualisiertes Lifestyle-Accessoire.
Wer sich die Testa di Moro also ins Regal stellt, sollte wissen, dass sie mehr ist als ein Souvenir. Sie ist Teil eines Narrativs, das sich zwischen kolonialer Vergangenheit und Gegenwart bewegt und das wir heute nicht einfach ignorieren können, wenn wir es mit Erinnerungskultur und gerechter Repräsentation ernst meinen.

