
Über Übertourismus und die, die sich wehren
Wer kennt’s nicht: Weite Palmenstrände, glasklares Meer und eisgekühlte Cocktails – bei Instagram sieht jeder Urlaub aus wie aus dem Katalog. Und vor Ort liegt dann ein riesiges Kreuzfahrtschiff im Hafen, das die Sicht auf den Horizont versperrt. Oder es steht eine Schlange von fünfzig Menschen im Wald, die auch vorm Wasserfall posieren wollen. In beiden Fällen sind es mehr Besuchende, als dass der Ort für sie Kapazitäten hätte – und das Fiese am Overtourism ist, dass man selbst stets Teil davon ist. Wer sich dennoch die beliebtesten Reiseziele der Welt nicht entgehen lassen möchte, kann wenigstens mit kleinen Entscheidungen vor Ort dazu beitragen, die Lage im Reiseziel nicht maßgeblich zu verschärfen.
Wir waren an drei Orten, die von Overtourism betroffen sind und geben euch einen Überblick über Probleme, diejenigen, die Lösungen anbieten und wie man sie unterstützen kann.
Sri Lanka: Raja & the Whales und ihr Einsatz für mehr Naturschutz
Raja & The Whales ist eines der wenigen Unternehmen, die sich in Sri Lanka gegen die Ausbeutung von Walen für touristische Zwecke stellen. Vor rund 15 Jahren waren sie eines von zwei Unternehmen, das Whalewatching Touren im sri lankischen Mirissa angeboten haben – ethisch und mit mehreren hundert Metern mit Abstand zu den Tieren. Heute, durch die Mengen an Tourist:innen, gibt es einige Unternehmen mehr – und nur die wenigsten von ihnen halten sich an die gleichen Standards wie Raja & The Whales. Andere Unternehmen stammen zum Beispiel von chinesischen Investoren: Die Boote sind alt und ziehen dunkelgraue Abgasspuren hinter sich her. Die Anbieter packen die Boote zu voll und fahren zu nah an die Wale heran – und bieten an, mit den Tieren zu schwimmen. Das Team von Raja & The Whales dokumentiert seit Beginn ihrer Arbeit, an welchen Koordinaten sie Wale gesichtet haben. Auf ihrer Website haben sie all diese Daten nun wissenschaftlich zusammengetragen und zur Verfügung gestellt. Das Ergebnis: Die Wale, die sich eigentlich gern in Küstennähe aufhalten, ziehen sich, auch durch das Bedrängen der Watching-Boote, immer weiter aufs offene Meer zurück.
Es ist an den Reisenden, solche unethischen Angebote abzulehnen und sich für naturkonformen Tourismus einzusetzen. Zu recherchieren und sich für Touranbieter zu entscheiden, die solche Praktiken ablehnen. Wer eine ethische (Meer-)Safari machen möchte, sollte schauen, dass die Anbieter klare Richtlinien zum Schutz der Tiere und Umgebung veröffentlichen und diese auch einhalten. Und dass die Tourist:innen keine Bilder von der Tour mit den Tieren posten, denn das wäre mehr Schein als Sein.

NoBnb in Athen: (Kein) Wohnungsmangel durch Tourismus
Ab Januar vergangenen Jahres konnten für 2025 keine neuen Wohnungen für Urlauber:innen in Athen mehr registriert werden. Das Gesetz wurde kürzlich bis Ende 2026 verlängert. Dies war eine bitter nötige Maßnahme für Griechenlands Hauptstadt – denn in Athen werden über Online-Dienste bereits 18.000 Wohnungen für Kurzzeitvermietungen angeboten. Gleichzeitig leiden die Athener:innen unter akuter Wohnungsnot. Die Nachfrage nach Mietwohnungen übersteigt dort rund fünf Mal das Angebot. Wer es schafft, eine Wohnung zu bekommen, zahlt bis zu 70 Prozent des Einkommens für die Miete. Den Athener:innen reicht das temporäre Gesetz aber nicht: Im Bezirk Exarcheia – online als alternatives Szene- und Barviertel angepriesen – zeigen sie Tourist:innen unter anderem über Graffiti, dass diese nicht auf Kosten ihres Wohnraums willkommen sind.
Wer Athen dennoch besuchen möchte, kann auf unterschiedliche Arten dazu beitragen, die Wohnungsnot in der Stadt nicht weiter zu verschärfen. Man könnte sich darauf besinnen, wie Airbnb und co angefangen haben: Als untervermietetes Zimmer in einer Wohnung, statt als teures und privates Luxusapartment. Möglichkeiten sind auch, nicht im Zentrum zu übernachten oder ganz klassisch, na klar, ein Hotel zu wählen. Nichts davon kehrt Gentrifizierung und Verdrängung allein um, ist aber jeweils ein kleiner Schritt, der das neue Gesetz unterstützt.

Gegen Travel-Kolonialismus in Tansania
Wer in Tansania reist, bekommt häufig ein Komplettpaket verkauft: Von Trauminsel Sansibar zur Big-5-Safari per Flugzeug oder Privat-Jeep-Transfer. Abends Dinner im Hotel, das Frühstück morgens auch. Das sei sicherer, argumentieren Reiseagenturen und Hotelketten – ist es aber nicht zwingend. Hotelinhaber:innen in Tansania kommen häufig aus Europa oder Nordamerika. Sie halten ihre Mitarbeitenden dazu an, die Reisenden im Hotel und bei den eigenen erweiterten Reiseservices zu halten. Dies schadet aber der lokalen Tourismusindustrie, weil es die Reisenden in einem engen Ökosystem hält, von dem lokale Initiativen nicht profitieren. Nur wenige Highlight-Orte werden überhaupt angefahren oder -flogen und leiden unter vielen Reisenden. Andere Städte und Gegenden stehen auf keinem Reiseplan.
Die Touren, die die schicken und exklusiven Safari-Lodges anbieten, führen häufig zu vermeintlich lokalen 'Stämmen', bei denen Tourist:innen Klischee-Fotos mit Maasai machen können. Mit der Realität haben diese wenig zu tun – sie sind ein Paradebeispiel für koloniale Kontinuitäten auf Reisen.
Die Wander-Agentur Tayodea im Bergort Lushoto macht es anders. Sie ist lokal geführt, bietet ortskundige Tourguides an und konzentriert sich auf ihr Kerngeschäft: naturschutzkonforme Wanderungen durch die Regenwälder der Berge. Wer sich auf solche zuverlässigen Agenturen verlässt, unterstützt die lokale Wirtschaft, lernt etwas über die Natur und trägt dazu bei, koloniale Strukturen zu hinterfragen und bestenfalls abzubauen, anstatt sie aufrechtzuerhalten.
Verantwortungsvoll reisen – geht das überhaupt?
Venedig und Dubrovnik sind durch Kreuzfahrtschiffe überlaufen, Inseln in Thailand müssen immer mal geschlossen werden, damit sich die Ökosysteme erholen können. An Indonesiens Stränden stapelt sich das Plastik – viele (lokale) Dynamiken werden so verschärft oder entstehen überhaupt erst. Wie so häufig fühlt sich auch hier der eigene Beitrag zu klein an, um wirklich etwas auszurichten. Aber für die Menschen und Initiativen vor Ort spielen ethische Entscheidungen eine große Rolle. Umso wichtiger ist es, sich aktiv damit auseinanderzusetzen, was die eigene Reise anrichtet – für Natur und Klima, für Städte und Bewohner:innen und was sie mit Blick auf politische und historische Zusammenhänge bedeutet.


